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Die Raddampfer auf dem Vierwaldstättersee - ein wunderbares Kulturgut !
Feststellungen und Erlebnisse

 

Feststellungen
Um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts erlebte der Tourismus um den Vierwaldstättersee eine Hochblüte. Einige Hotels, Anlagen und auch der freistehende Hammetschwandlift am Bürgenstock wurden in dieser Zeit gebaut. Vier der heutigen Raddampfer wurden ebenfalls in dieser Zeit gebaut und in Betrieb genommen. Das Dampfschiff «Stadt Luzern» kam dann im Jahre 1928/29 noch dazu.
 
Die fünf Raddampfer wurden von drei verschiedenen Firmen (Gebr. Sulzer, Winterthur, Escher Wyss, Zürich und Gebr. Sachsenberg, Rosslau an der Elbe) gebaut. Es ist ein Glücksfall, dass auf dem Vierwaldstättersee noch Raddampfer von verschiedenen Erbauerfirmen im Einsatz sind. Das typische Erscheinungsbild vom Schiffsbau der entsprechenden Erbauerfirmen kommt eindrücklich zum Vorschein.  
 
Erlebnisse
Man schrieb das Jahr 1969; es war Sommerfahrplan auf dem Vierwaldstättersee. Ich war damals ein 9-jähriger

«Uri»-Spezial:Niederdruckkurbel und Exzenter der Nass Luftpumpe
  Knabe. Wir wohnten in Kastanienbaum und hatten einen herrlichen Ausblick auf den See. Mit dem Fernglas schaute ich den Schiffen auf dem See zu,  um sie kennenzulernen und bereits erste Unterschiede zu entdecken. Bald durfte ich meine erste Dampfschifffahrt erleben. Es war die Fahrt mit dem Dampfschiff «Uri» auf dem Kurs 73/78, ab 13.26 Uhr ging es von Kastanienbaum nach Kehrsiten-Bürgenstock. Ich stand die ganze Fahrzeit von 12 Minuten am Geländer beim Maschinenschacht. Die mächtigen Pleuelstangen, Kurbelwangen und der Maschinenstuhl bzw. dessen roten, runden Doppelbogen haben mir Eindruck gemacht.
     
An einem weiteren sonnigen Sonntag, kam ich zu mehreren Dampfschifffahrten. Mit dem Dampfschiff «Unterwalden» ging es um 13.05 Uhr auf dem Kurs 65/72 von Kastanienbaum – St. Niklausen nach Seeburg. Zwischen St. Niklausen und Seeburg kam es zur Begegnung mit dem Dampfschiff «Uri», welches auf dem Kurs 73/78 (Abfahrt Luzern 13.00 Uhr - Rückankunft Luzern 15.55 Uhr) nach Alpnachstad unterwegs war. In Seeburg sind wir auf die "Flüeler-Route" umgestiegen. Innert Kürze näherte sich das Dampfschiff «Stadt Luzern». Ich kam kaum mehr aus dem Staunen heraus, als das grosse Dampfschiff «Stadt Luzern» an der Station Seeburg anlegte. Der Kamin, die Lüfter und die Oberdeckaufbauten sowie der tiefe Ton aus der Dampfpfeife sind bis heute einmalig geblieben. Wir fuhren auf dem Kurs 15/24 (Abfahrt  Luzern 13.20 Uhr  - Rückankunft Luzern 19.20 Uhr)  von Seeburg nach Hertenstein – Weggis.
Nach dem verlassen des Schiffes, weilten wir noch einen kurzen Augenblick  in der Nähe der Schiffsstation. Zum einen beobachtete ich die Weiterfahrt der «Stadt Luzern» und zum anderen näherte sich von Vitznau herkommend das Dampfschiff «Schiller».
Die «Schiller» war auf dem Kurs 7/14 (Abfahrt Luzern 08.30 Uhr - Rückankunft Luzern 14.55 Uhr). Während unserem Aufenthalt in Weggis hat auch noch das Dampfschiff «Gallia» auf dem Kurs 17/26 (Abfahrt Luzern 14.05 Uhr - Rückkehr Luzern 20.43 Uhr) Halt gemacht. An die Begegnung mit der «Gallia» mag ich mich aber nicht mehr erinnern. 
 
«Unterwalden»-Spezial: Positionierung der Kommando-brücke, Steuerhaus; der obere Teil ist in den unteren Teil absenkbar, absenkbarer Kamin, kippbare Lüfter und Positionierung der Dampfpfeife


«Stadt Luzern»-Spezial: imposante Kommando- und Oberdeckaufbauten
     

«Schiller»-Spezial: ästhetisch ausgewogen und wunderschöner Erstklass-Salon


«Gallia»-Spezial: die leistungsstärkste Schiffs-Maschine welche die Firma Escher-Wyss für unser Land gebaut hat


Die «Gallia» beim Meggenhorn; rechts ist ein Teil der Altstadt-Insel ersichtlich
  Um 15.20 Uhr führte unsere Reise von Weggis via Hertenstein nach Kehrsiten-Bürgenstock. Diese kurze Schiffsreise war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, denn es war für mich die einzige Fahrt mit dem Dampfschiff «Wilhelm Tell».
 
Während des Aufenthalts in Kehrsiten-Bürgenstock konnte ich das Dampfschiff «Schiller», zum zweiten Mal an diesem Sonntag, aus der Nähe bestaunen. Die «Schiller» war auf dem Kurs 19/18a. Es war ein wunderschöner Anblick als  sich die «Schiller» von Vitznau herkommend, nahe entlang der steil bewaldeten Bürgenstock-Nordseite, der Station Kehristen-Bürgenstock näherte. Obiger Kurs war wie folgt: Abfahrt  in Luzern um 15.10 Uhr nach Hertenstein - Weggis - Vitznau - Kehrsiten-Bürgenstock  - Luzern. Ankunft in Luzern um 16.55.Uhr.
Schliesslich ging es mit dem Dampfschiff «Unterwalden» von Kehrsiten-Bürgenstock nach Kastanienbaum.  Die «Unterwalden» befand sich auf dem Kurs 77/82 mit Abfahrt in Luzerm um 14.10 nach Alpnachstad und Rückankunft in Luzern um 17.58 Uhr. Für mich eines der schönsten Jungendzeiterlebnisse; ein unvergesslicher Nachmittag ging zu Ende.
 
Meine erste Fahrt mit dem Dampfschiff «Gallia» war übrigens nicht auf der "Flüeler-Route". Früher gab es den Kurs 85/84 mit Abfahrt in Luzern um 16.45 Uhr  nach – St. Niklausen – Kastanienbaum – Hergiswil – Stansstad – Kehristen-Bürgenstock – Kastanienbaum - St. Niklausen – Ankunft in Luzern um 18.28 Uhr. Meistens war das Motorschiff Schwyz auf diesem Kurs im Einsatz. Es konnte aber vorkommen, dass ein Dampfschiff, welches zuvor auf der "Flüeler-Route" im Einsatz stand noch den Kurs in das Hergiswiler-Becken ausführte. So sind auch die Dampfschiffe «Stadt Luzern», «Gallia» oder «Schiller»  auf diesem Seeteil erschienen. Die erste Fahrt mit dem Dampfschiff «Gallia» konnte ich von Stansstad  - Kehrsiten-Bürgenstock – Kastanienbaum geniessen. Die Maschine hat bei mir ganz besonderen Eindruck hinterlassen. Die «Gallia»-Maschine in Betrieb zu bestaunen ist für mich bis heute einzigartig geblieben
 
   
Die Dampfschiffkurse nach Alpnachstad. Sommerfahrplan aus dem Jahre 1969.
An Sonntagen hatten die Dampfschiffe «Uri» und «Unterwalden» gesamthaft 5 Kurse Luzern - Alpnachstad – Luzern absolviert. Der Einsatz der beiden Schiffe auf die entsprechenden Kurse wurde im Wochenturnus gewechselt.
 
Die Dampfschiffkurse Luzern – Brunnern - Flüelen. Sommerfahrplan aus dem Jahre 1969.
An Sonntagen waren vier Dampfschiffe im Kurseinsatz. Das Dampfschiff «Stadt Luzern» war auf dem Kurs 15/24. Der Einsatz der Dampfschiffe «Schiller», «Wilhelm Tell» und «Gallia» auf die entsprechenden Kurse wurde ebenfalls wöchentlich untereinander gewechselt.  
 

An einem Werktag im Jahre 1970 durfte ich meine erste Fahrt mit dem Dampfschiff «Schiller» geniessen. Die Reise führte auf dem Kurs 15/24  von Weggis – Hertenstein nach Seeburg. Bei der Station Seeburg sind wir auf das Motorschiff Rütli umgestiegen. Das Rütli führte damals den Kurs 89/92 (Luzern ab 19.10 nach Seeburg – St. Niklausen – Kastanienbaum – Kehrsiten-Dorf; Kehristen-Dorf – Kastanienbaum – St. Niklausen – Luzern an um 20.25 Uhr.
Als damals 10-jähriger Knabe kannte ich die Funktion und die verschiedenen Elemente der Maschinenanlage noch nicht. Trotzdem habe ich die auffälligsten Teile der «Schiller»-Maschine und der «Uri»-Maschine untereinander verglichen und fragte mich damals, wieso einige Aggregate (Speisewasservorwärmer, Kondensator, Antrieb der Nassluftpumpe, Formgebung der Niederdruckkurbel) unterschiedlich platziert oder konstruiert sind. Es ist heute etwas Wunderbares nachvollziehen zu können wie sich die Kunst der Maschinen-Ingenieure entwickelt hat, diese ist im Vergleich der Maschinen der beiden Sulzer-Schiffe «Uri» und «Schiller» sehr schön ersichtlich.

Nebst den notwendigen navigationstechnischen Einrichtungen, Wind- und Wetterschutzbauten hat sich an der Silhouette der «Gallia» über die vielen Jahre wenig verändert. Das Schiff wirkt besonders majestätisch.

Die Anbringung des Sonnenzelts gibt dem Dampfschiff «Unterwalden» eine besondere Note. Die seitliche Teilverglasung auf dem achtern Oberdeck wirkt elegant. Das Schiff erscheint im Längsschnitt ganz besonders schön.

Blick in den Maschinenraum der «Unterwalden». Durch die grosse Maschinen-Schachtöffnung und infolge der speziellen Konstruktion des Maschinenstuhls wird bei diesem Dampfschiff einen besonders guten Blick auf bewegliche Teile der Maschinenanlage ermöglicht. Die Umwandlung der Hin- und Herbewegung in eine Rundbewegung, ausgehend von der Kolbenstange zum Kreuzkopf, Pleuelstange zur Kurbelwelle kann sehr gut verfolgt werden.  

 
Backbordradkasten mit Strahlenkranz und Namenszier







DS «Unterwalden»


Blick in den Maschinenraum der «Unterwalden»
     
  Ausschnitt aus dem "Neo-Barock" Erstklass-Salon von Dampfschiff «Uri» - prächtige Kunstwerke aus Hartholzschnitzereien
     





Wahrlich ein stolzes Flaggschiff die «Stadt Luzern» - ein Hauch von Meerschiffen mag da wohl aufkommen
 
     

Über dem Sonnenzelt - DS «Schiller» (Bild: Christian Haas)
 





Schöne geschützte Aussenplätze findet man bei allen fünf Raddampfern auf dem achtern Oberdeck; bei der «Unterwalden» sogar auf dem vorderen Oberdeck. Auch wenn man einmal von einen Gewitter-Regen erwischt wird, entsteht unter dem Schutzzelt immer eine spezielle Atmosphäre und ein besonderer Ausblick.

Bericht und Bilder: Beat Haas